Abbildung: Schädel lateral mit wichtigen Knochen und Nähten.
Der Schädel bildet das knöcherne Grundgerüst des Kopfes. Er schützt Gehirn, Hirnhäute, Gefäße und Sinnesorgane (Augen, Ohren, Riechorgan und Geschmacksorgan), formt die Gesichtsregion, begrenzt Nasen- und Mundhöhle, bildet die Orbitae und enthält zahlreiche Durchtrittsstellen für Hirnnerven und Gefäße.
Anatomisch wird der Schädel meist in den Hirnschädel (Neurocranium) und den Gesichtsschädel (Viscerocranium bzw. Splanchnocranium) eingeteilt. Zusätzlich kann man die Kalotte (Schädeldach), die Schädelbasis und die Gesichtsschädelanteile getrennt betrachten.
• Der menschliche Schädel besteht klassisch aus 22 Knochen: 8 Knochen des Neurocraniums und 14 Knochen des Gesichtsschädels.
• Die Schädelknochen sind überwiegend über Suturen verbunden; die Mandibula bildet als beweglicher Knochen das Kiefergelenk mit dem Os temporale.
• Die Schädelbasis enthält die vordere, mittlere und hintere Schädelgrube und zahlreiche Foramina für Hirnnerven und Gefäße.
• Pneumatisierte Knochen enthalten Nasennebenhöhlen: Sinus frontalis, maxillaris, sphenoidalis und Cellulae ethmoidales.
Abbildung: Hirnschädel und Gesichtsschädel in frontaler und lateraler Ansicht.
Os frontale
1
Stirn, Orbitadach, vordere Schädelgrube, Sinus frontalis
Ossa parietalia
2
Großer Anteil der Kalotte; Begrenzung von Sagittal- und Koronarnaht
Ossa temporalia
2
Felsenbein, äußeres/mittleres/inneres Ohr, Kiefergelenk, Processus mastoideus und styloideus
Os occipitale
1
Hinterhaupt, Foramen magnum, Condyli occipitales, hintere Schädelgrube
Os sphenoidale
1
Zentraler Schädelbasisknochen; Sella turcica, Ala major/minor, Canalis opticus, Fissura orbitalis superior
Os ethmoidale
1
Lamina cribrosa, Crista galli, Nasenhöhle, mediale Orbitawand, Cellulae ethmoidales
Abbildung: Gesichtsschädel in Frontalansicht mit wichtigen Knochen.
Maxillae
2
Oberkiefer, harter Gaumen, Orbitaboden, Sinus maxillaris
Mandibula
1
Unterkiefer; einziger frei beweglicher Schädelknochen
Ossa zygomatica
2
Jochbein; laterale Orbitawand und Jochbogen
Ossa nasalia
2
Knöcherner Nasenrücken
Ossa lacrimalia
2
Mediale Orbitawand; Tränenapparat
Ossa palatina
2
Hinterer Anteil des harten Gaumens und laterale Nasenwand
Conchae nasales inferiores
2
Eigenständige Knochen der lateralen Nasenwand
Vomer
1
Posteroinferiorer Anteil des Nasenseptums
Abbildung: Laterale Schädelansicht mit Suturen und Schädelknochen.
Die Kalotte besteht vor allem aus Os frontale, Ossa parietalia und Anteilen von Os occipitale und Ossa temporalia. Sie schützt die Großhirnhemisphären und besteht aus einer äußeren Kompakta, der Diploë und einer inneren Kompakta.
• Sutura coronalis: zwischen Os frontale und Ossa parietalia.
• Sutura sagittalis: zwischen den beiden Ossa parietalia.
• Sutura lambdoidea: zwischen Ossa parietalia und Os occipitale.
• Sutura squamosa: zwischen Os temporale und Os parietale.
• Wormsche Knochen: akzessorische kleine Knochen innerhalb von Suturen, häufig im Bereich der Lambdanaht.
Abbildung: Suturen als Grundlage für Wachstum und Verknöcherung der Kalotte.
Beim Neugeborenen sind die Schädelknochen noch nicht vollständig knöchern verbunden. Fontanellen erlauben die Verformung während der Geburt und das Wachstum des Gehirns.
• Fonticulus anterior: größte Fontanelle zwischen Stirn- und Scheitelbeinen; klinisch am wichtigsten.
• Fonticulus posterior: zwischen Parietal- und Okzipitalknochen, schließt früher als die vordere Fontanelle.
• Eine vorzeitige Verknöcherung von Nähten wird als Kraniosynostose bezeichnet und kann zu typischen Schädeldeformitäten führen.
• Kalottenknochen entstehen überwiegend desmal/intramembranös; Schädelbasisanteile entstehen überwiegend enchondral.
Abbildung: Laterale knöcherne Orientierung mit Schädelbasisbezug.
Die innere Schädelbasis wird in drei Schädelgruben eingeteilt. Diese Einteilung ist wichtig für Anatomie, Bildgebung, Neurochirurgie und Traumaversorgung.
Fossa cranii anterior
Os frontale, Os ethmoidale, Ala minor ossis sphenoidalis
Frontallappen; Lamina cribrosa mit Fila olfactoria
Fossa cranii media
Os sphenoidale, Pars petrosa ossis temporalis
Temporallappen; Sella turcica; Foramina für N. opticus und Trigeminusäste
Fossa cranii posterior
Os occipitale, Pars petrosa ossis temporalis
Cerebellum, Hirnstamm; Foramen magnum; Nn. IX-XII
Abbildung: Laterale Orientierung zur Lage wichtiger Schädelöffnungen.
Lamina cribrosa
Os ethmoidale
Fila olfactoria des N. olfactorius (I)
Canalis opticus
Os sphenoidale
N. opticus (II), A. ophthalmica
Fissura orbitalis superior
Zwischen Ala major und Ala minor ossis sphenoidalis
Nn. III, IV, V1, VI; V. ophthalmica superior
Foramen rotundum
Os sphenoidale
N. maxillaris (V2)
Foramen ovale
Os sphenoidale
N. mandibularis (V3), kleine Gefäße
Foramen spinosum
Os sphenoidale
A. meningea media
Meatus acusticus internus
Pars petrosa ossis temporalis
N. facialis (VII), N. vestibulocochlearis (VIII)
Foramen jugulare
Os temporale/Os occipitale
Nn. IX, X, XI; V. jugularis interna
Canalis hypoglossus
Os occipitale
N. hypoglossus (XII)
Foramen magnum
Os occipitale
Medulla oblongata, Meningen, Aa. vertebrales, spinale Anteile des N. accessorius
Abbildung: Seitliche Schädelzeichnung mit Beziehung zu Nase, Oberkiefer und Zähnen.
Der Schädel enthält mehrere funktionelle Räume: Cavitas cranii, Orbitae, Cavitas nasi, Cavitas oris und die pneumatisierten Nasennebenhöhlen.
• Sinus frontalis: im Os frontale, variable Größe, Drainage in den mittleren Nasengang.
• Sinus maxillaris: größte Nasennebenhöhle, enger Bezug zu Oberkieferzähnen und Orbitaboden.
• Sinus sphenoidalis: im Os sphenoidale, enger Bezug zu Hypophyse, N. opticus und A. carotis interna.
• Cellulae ethmoidales: zwischen Nasenhöhle und Orbita, klinisch wichtig bei Sinusitis und Orbitakomplikationen.
Abbildung: Laterale Orientierung des Schädels.
Abbildung: Frontale Orientierung des Schädels.
• Norma frontalis: Stirn, Orbitae, Nasenöffnung, Maxilla, Mandibula.
• Norma lateralis: Os temporale, Arcus zygomaticus, Fossa temporalis, Porus acusticus externus, Processus mastoideus.
• Norma occipitalis: Os occipitale, Protuberantia occipitalis externa, Lineae nuchae, Lambdanaht.
• Norma basalis externa: harter Gaumen, Choanen, Processus pterygoidei, Foramen magnum, Condyli occipitales.
• Norma verticalis: Kalotte mit Sutura coronalis, sagittalis und lambdoidea.
Abbildung: Laterale Schädelregion mit Bezug zu Kiefergelenk und Processus mastoideus.
Der Schädel dient zahlreichen Muskeln als Ursprung oder Ansatz. Klinisch wichtig sind Kaumuskulatur, mimische Muskulatur, supra- und infrahyoidale Muskeln sowie Nackenmuskulatur.
• Articulatio temporomandibularis: Gelenk zwischen Caput mandibulae und Fossa mandibularis des Os temporale mit Discus articularis.
• Articulatio atlantooccipitalis: Gelenk zwischen Condyli occipitales und Atlas; ermöglicht vor allem Nickbewegungen.
• Linea temporalis und Fossa temporalis: Ursprung des M. temporalis.
• Processus mastoideus: Ansatz mehrerer Halsmuskeln, u. a. M. sternocleidomastoideus.
Die Schädelknochen werden über periostale, meningeale und diploische Gefäße versorgt. Die A. meningea media verläuft klinisch besonders wichtig an der Innenseite des Os temporale und Os parietale.
• Diploevenen können Verbindung zu venösen Sinus und Emissarvenen haben.
• Emissarvenen verbinden extrakranielle Venen mit intrakraniellen venösen Sinus und können Infektionswege darstellen.
• Sinus durae matris liegen zwischen Duraschichten; wichtige Beispiele sind Sinus sagittalis superior, Sinus transversus, Sinus sigmoideus und Sinus cavernosus.
Abbildung: Klinisch wichtige laterale Schädelregionen und Knochenbeziehungen.
• Schädelbasisfrakturen können Hirnnerven, A. carotis interna, venöse Sinus oder Liquorräume betreffen.
• Fraktur im Bereich des Os temporale kann mit Blutung aus dem Ohr, Hörstörung, Fazialisparese oder Liquorrhoe verbunden sein.
• Verletzung der A. meningea media kann ein epidurales Hämatom verursachen, klassisch bei temporoparietalem Trauma.
• Frakturen der vorderen Schädelbasis können mit Rhinoliquorrhoe und Störung des Geruchssinns einhergehen.
• Sinusitis der Ethmoidalzellen kann wegen der dünnen Lamina papyracea auf die Orbita übergreifen.
• Kiefergelenksbeschwerden betreffen häufig Discus, Kaumuskulatur und Okklusion.
Abbildung: Wiederholung der wichtigsten Schädelknochen in zwei Ansichten.
1. Zuerst den Schädel in Neurocranium und Viscerocranium einteilen.
2. Dann die 8 Hirnschädelknochen und die 14 Gesichtsschädelknochen wiederholen.
3. Danach Kalotte, Schädelbasis und Gesichtsschädel getrennt betrachten.
4. Foramina immer mit Inhalt lernen: Nerven, Arterien, Venen.
5. Klinische Bezüge ergänzen: Frakturen, Hämatome, Sinusitis, Kiefergelenk, Kraniosynostosen.
Der Schädel ist eine komplexe knöcherne Einheit aus Hirnschädel und Gesichtsschädel. Seine wichtigsten Aufgaben sind Schutz des Gehirns, Formgebung des Gesichtes, Stabilisierung von Kau- und Sinnesorganen, Bildung der Nasen- und Mundhöhle sowie die Führung wichtiger Nerven und Gefäße durch definierte Foramina. Für die klinische Anatomie sind besonders Schädelbasis, Suturen, Foramina, Nasennebenhöhlen, A. meningea media und Kiefergelenk wichtig.